| Reisebericht zum Ausflug ins Elsaß

Ein buntes Völkchen waren wir – das hörte
man an den verschiedenen Färbungen des Deutschen, alemannisch,
schwäbisch, russisch – , das sich am 02. September
bei Kaiserwetter ins Elsaß aufmachte, um erneut den
"Europäischen Tag der jüdischen Kultur"
zu begehen.
Die
Synagogen von Sélestat (Schlettstadt) und Colmar
wollten wir besuchen.
Außerdem die Humanistenbibliothek in Schlettstadt,
in deren Lesesaal eine kleine Sonderausstellung über
die jüdische Geschichte der Stadt informieren sollte
Sélestat
- ein Landstädtchen, verschlafen wie alle an einem
Sonntagmorgen. Der Blumenschmuck vom vergangenen Fest ist
noch frisch und erfreulich. Es muß schon früh
Frömmigkeit gegeben haben in dieser Stadt, den großen
und alten Kirchtürmen nach zu schließen. Der
ehemalige Kornspeicher fällt nur durch seine Größe
etwas auf. Ganz groß und bedeutungsvoll ist aber das,
was er birgt: einen reichen Schatz von alten Handschriften
((ab dem 7. Jhdt.!), viele Bücher aus der frühesten
Zeit des Buchdrucks (Inkunabeln genannt nach dem lat. Wort
für "Windeln", "Wiege"; bis zum
Jahr 1500), rund 6000 Werke aus dem 16. – 18. Jahrhundert,
und schließlich auch eine Art Taufurkunde für
den um 1500 gerade gefundenen Kontinent "Amerika"
(Cosmographiae Introductio des Matthias Ringmann).
Eine
ganze Reihe bedeutender Bürger und Gelehrter haben
Schlettstadt Anfang des 16. Jahrhunderts zu einem Zentrum
hoher humanistischer Gelehrsamkeit gemacht und ihre wertvollen
Bücher später ihrer Heimatstadt überlassen.
So vor allem der Erasmusfreund Beatus Rhenanus, ein Gelehrter,
der mit Leidenschaft die damals sehr wertvollen Bücher
herausgab, sammelte und besaß. Humor muß er
auch besessen haben!
Auf
der Titelseite eines seiner kostbaren Werke lese ich seinen
handschriftlichen Vermerk: "Beati Rhenani sum. Nec
muto dominum" ( Ich gehöre dem Beatus Rhenanus.
Und ich will meinen Besitzer nicht ändern!)
Andere bedeutende Namen wie Jakob Wimpfeling (Rektor der
Uni Heidelberg), Martin Butzer ( einer der Reformatoren),
Jakob Spiegel (Jurist und Ratgeber Kaiser Karl des Fünften)
u.a. stehen für den Kreis der "Schlettstadter
Humanisten".
Die Ausstellung zur Geschichte der Juden Schlettstadts
zeigt – wie könnte es anders ausfallen? - das
ständige Auf und Ab des Willkommen-Seins: mal gebraucht,
mal akzeptiert, mal vertrieben, lange überhaupt nicht
aufgenommen, oft verfolgt. Schautafeln zeigen die Geschichte
auf.
Wenige Kultgegenstände und Manuskripte illustrieren
das Gemeinschaftsleben.
Alte Originaldokumente beleuchten besondere Schreckensdaten
der Geschichte: In einem Brief aus dem Jahr 1347, schön
geschrieben auf Pergament, geruht der deutsche Kaiser Karl
IV., den Bewohnern Schlettstadts ihre Exzesse gegen die
Juden zu verzeihen. Im nächsten Brief, knapp zwei Jahre
später, überläßt der Kaiser den Bürgern
die Güter und Besitztümer der "kürzlich
verstorbenen" Juden.
Die Geschichte der Juden in Schlettstadt beginnt kurz nach
1300.
Nach viel Auf und Ab im Lauf der Jahrhunderte und schließlicher
Zuzugssperre über lange Zeit kommen nach 1800 wieder
verstärkt jüdische Familien in die Stadt und gründen
eine neue Gemeinde. 1866 entsteht ein eigenes Rabbinat.
1890 wird eine neue Synagoge errichtet (mit Orgel).
Daneben gibt es im Ort eine große Mikwe, eine jüdische
Elementarschule und einen Friedhof.
Keine 50 Jahre später verwüsten die Nazis die
Synagoge. Nach 1945 wird sie renoviert, um erneut das "Tor
zum Herrn" zu sein, wie über dem Eingang steht:
"Dies ist das Tor zum Herrn. Gerechte ziehen durch
es hinein." (Ps. 118,20)
Für
uns öffnet die Synagoge ihre Türen am Nachmittag
anläßlich eines Konzerts. Wir werden freundlich
begrüßt durch den Vorsteher und den Ehrenpräsidenten.
Der Kantor und ein junger Bariton, sparsam begleitet von
einer Pianistin, nehmen uns mit auf eine schöne Reise
durch jüdische Musik verschiedener Zeiten und Länder.
Dann brechen wir eilends auf, um vielleicht auch die Colmarer
Synagoge noch während des dort angesagten Konzerts
zu erleben. Aber wir sind zu spät! Ich wundere mich
über die Größe des Baus, der 1843 errichtet
wurde. Ich wundere mich aber nicht mehr, als ich lese, daß
im Jahr 1990 in Colmar ca. 1000 jüdische Personen wohnen.
Die Begrüßungsworte über dem Eingang
"Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker
genannt werden!" (Jes.56,7) vermitteln mir, daß
ich willkommen bin.
Unser Besuchsprogramm soll enden mit einem Besuch im Bartholdi-Museum.
Frédéric Auguste Bartholdi, ein Sohn Colmars,
ist v.a. unvergessen wegen der von ihm geschaffenen New
Yorker Freiheitsstatue.
Sie soll übrigens die Züge seiner Mutter tragen
und für ihre Figur soll die spätere Frau des Künstlers
Modell gestanden haben. Zahlreiche Denkmäler und Brunnen
aus der Hand Bartholdis schmücken Colmar bis heute.
Ich bin wohlig müde – und ich denke, den anderen
geht's nicht anders – , als wir gegen 19 Uhr zurück
sind in Freiburg. Herzlichen Dank der Initiatorin Frau Jannina
Kalinnik, die mutig versuchte, die Bedürfnisse und
Wünsche der verschiedenen Teilnehmer zu bündeln
und zu kanalisieren und darüber hinaus auch noch zum
Picknick einlud. Herzlichen Dank unseren Chauffeuren Richard
Ernst und Roman Tarnopolski, die uns sicher hin und auch
wieder zurück gebracht haben. Und herzlichen Dank unserem
Gott für den schönen und guten Tag!
(Mara S. Peyk)
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