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aus dem Elsass finden Sie im Mitgliederbereich

 

Kalender
5768-2007/2008



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"Die ganze Welt ist eine sehr schmale Brücke - und die Hauptsache ist: gar keine Angst zu haben"
 



Reisebericht zum Ausflug ins Elsaß

Ein buntes Völkchen waren wir – das hörte man an den verschiedenen Färbungen des Deutschen, alemannisch, schwäbisch, russisch – , das sich am 02. September bei Kaiserwetter ins Elsaß aufmachte, um erneut den "Europäischen Tag der jüdischen Kultur" zu begehen.

Die Synagogen von Sélestat (Schlettstadt) und Colmar wollten wir besuchen.
Außerdem die Humanistenbibliothek in Schlettstadt, in deren Lesesaal eine kleine Sonderausstellung über die jüdische Geschichte der Stadt informieren sollte

Sélestat - ein Landstädtchen, verschlafen wie alle an einem Sonntagmorgen. Der Blumenschmuck vom vergangenen Fest ist noch frisch und erfreulich. Es muß schon früh Frömmigkeit gegeben haben in dieser Stadt, den großen und alten Kirchtürmen nach zu schließen. Der ehemalige Kornspeicher fällt nur durch seine Größe etwas auf. Ganz groß und bedeutungsvoll ist aber das, was er birgt: einen reichen Schatz von alten Handschriften ((ab dem 7. Jhdt.!), viele Bücher aus der frühesten Zeit des Buchdrucks (Inkunabeln genannt nach dem lat. Wort für "Windeln", "Wiege"; bis zum Jahr 1500), rund 6000 Werke aus dem 16. – 18. Jahrhundert, und schließlich auch eine Art Taufurkunde für den um 1500 gerade gefundenen Kontinent "Amerika" (Cosmographiae Introductio des Matthias Ringmann).

Eine ganze Reihe bedeutender Bürger und Gelehrter haben Schlettstadt Anfang des 16. Jahrhunderts zu einem Zentrum hoher humanistischer Gelehrsamkeit gemacht und ihre wertvollen Bücher später ihrer Heimatstadt überlassen.

So vor allem der Erasmusfreund Beatus Rhenanus, ein Gelehrter, der mit Leidenschaft die damals sehr wertvollen Bücher herausgab, sammelte und besaß. Humor muß er auch besessen haben!
Auf der Titelseite eines seiner kostbaren Werke lese ich seinen handschriftlichen Vermerk: "Beati Rhenani sum. Nec muto dominum" ( Ich gehöre dem Beatus Rhenanus. Und ich will meinen Besitzer nicht ändern!)

Andere bedeutende Namen wie Jakob Wimpfeling (Rektor der Uni Heidelberg), Martin Butzer ( einer der Reformatoren), Jakob Spiegel (Jurist und Ratgeber Kaiser Karl des Fünften) u.a. stehen für den Kreis der "Schlettstadter Humanisten".

Die Ausstellung zur Geschichte der Juden Schlettstadts zeigt – wie könnte es anders ausfallen? - das ständige Auf und Ab des Willkommen-Seins: mal gebraucht, mal akzeptiert, mal vertrieben, lange überhaupt nicht aufgenommen, oft verfolgt. Schautafeln zeigen die Geschichte auf.
Wenige Kultgegenstände und Manuskripte illustrieren das Gemeinschaftsleben.
Alte Originaldokumente beleuchten besondere Schreckensdaten der Geschichte: In einem Brief aus dem Jahr 1347, schön geschrieben auf Pergament, geruht der deutsche Kaiser Karl IV., den Bewohnern Schlettstadts ihre Exzesse gegen die Juden zu verzeihen. Im nächsten Brief, knapp zwei Jahre später, überläßt der Kaiser den Bürgern die Güter und Besitztümer der "kürzlich verstorbenen" Juden.

Die Geschichte der Juden in Schlettstadt beginnt kurz nach 1300.
Nach viel Auf und Ab im Lauf der Jahrhunderte und schließlicher Zuzugssperre über lange Zeit kommen nach 1800 wieder verstärkt jüdische Familien in die Stadt und gründen eine neue Gemeinde. 1866 entsteht ein eigenes Rabbinat.
1890 wird eine neue Synagoge errichtet (mit Orgel).
Daneben gibt es im Ort eine große Mikwe, eine jüdische Elementarschule und einen Friedhof.
Keine 50 Jahre später verwüsten die Nazis die Synagoge. Nach 1945 wird sie renoviert, um erneut das "Tor zum Herrn" zu sein, wie über dem Eingang steht: "Dies ist das Tor zum Herrn. Gerechte ziehen durch es hinein." (Ps. 118,20)

Für uns öffnet die Synagoge ihre Türen am Nachmittag anläßlich eines Konzerts. Wir werden freundlich begrüßt durch den Vorsteher und den Ehrenpräsidenten. Der Kantor und ein junger Bariton, sparsam begleitet von einer Pianistin, nehmen uns mit auf eine schöne Reise durch jüdische Musik verschiedener Zeiten und Länder.

Dann brechen wir eilends auf, um vielleicht auch die Colmarer Synagoge noch während des dort angesagten Konzerts zu erleben. Aber wir sind zu spät! Ich wundere mich über die Größe des Baus, der 1843 errichtet wurde. Ich wundere mich aber nicht mehr, als ich lese, daß im Jahr 1990 in Colmar ca. 1000 jüdische Personen wohnen.
Die Begrüßungsworte über dem Eingang "Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker genannt werden!" (Jes.56,7) vermitteln mir, daß ich willkommen bin.

Unser Besuchsprogramm soll enden mit einem Besuch im Bartholdi-Museum. Frédéric Auguste Bartholdi, ein Sohn Colmars, ist v.a. unvergessen wegen der von ihm geschaffenen New Yorker Freiheitsstatue.
Sie soll übrigens die Züge seiner Mutter tragen und für ihre Figur soll die spätere Frau des Künstlers Modell gestanden haben. Zahlreiche Denkmäler und Brunnen aus der Hand Bartholdis schmücken Colmar bis heute.

Ich bin wohlig müde – und ich denke, den anderen geht's nicht anders – , als wir gegen 19 Uhr zurück sind in Freiburg. Herzlichen Dank der Initiatorin Frau Jannina Kalinnik, die mutig versuchte, die Bedürfnisse und Wünsche der verschiedenen Teilnehmer zu bündeln und zu kanalisieren und darüber hinaus auch noch zum Picknick einlud. Herzlichen Dank unseren Chauffeuren Richard Ernst und Roman Tarnopolski, die uns sicher hin und auch wieder zurück gebracht haben. Und herzlichen Dank unserem Gott für den schönen und guten Tag!

(Mara S. Peyk)